überspringe Navigation

Wie im ersten Teil zuletzt angesprochen wurde ich nach meiner ganzen Arbeitsmisere praktisch in ein Call-Center genötigt. Jetzt werden viele Menschen sagen: “Dich hat doch keiner dazu gezwungen, da anzufangen.” Das kann, will und werde ich so niemals bestätigend und stillschweigend unterschreiben. Wer sich in seinen jungen Jahren mit Hängen und Würgen sein Eigentum erwirtschaftet hat und dies gerade abbezahlt hat, der wird einen Teufel tun und dies aufgrund von Zwängen wieder innerhalb kürzester Zeit und vor allem für viel zu wenig Geld abgeben.

Darüber hinaus wurde mir der “Job” ans Herz gelegt, mit den Worten: “Sie müssen das machen.” Soviel zu den “aus freien Stücken”.

An sich hat die neue Stelle besser geklungen, als meine Einstellung zu Call Centern generell war. Die Beschreibung sah wiefolgt aus: Normale Bezahlung, Inbound, ausschließlich Kundenbetreuung – kein Verkauf, Schichtarbeit im Wechsel, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Lt. der Agentur für Arbeit, zählt diese Firma zu den besten Call-Centern Deutschlands.

Ooooh kaaay! Gehen wirs an….

Ich habe also kurzerhand dort angeheuert. Da dies ein neuer Standort dieser Firma war und für einen der größten Telekommunikationsunternehmen ein Subunternehmen darstellte, habe ich mir weitaus weniger Sorgen gemacht, als ich es ggf. hätte machen sollen. Bei meiner Ankuft auf dem Parkplatz dieses Unternehmens saß im Gebüsch vor mir jemand, der sich erst einmal genüsslich eine Nadel in den Arm gehauen hat. Daran habe ich mich allerdings nicht gestört, denn mittlerweile war ich echt schon vieles gewohnt.

Ich lasse jetzt einfach mal die Kleinigkeiten weg, mit denen ich sicherlich 1000 Wörter schreiben könnte und komme zu den extremen, die ich dort erlebt habe. Diese Firma hat wirklich alles eingestellt. Jedweden Bodensatz, den die Agentur für Arbeit zu bieten, oder schon länger auf der Tasche hatte. Drogenhandel und Konsum in den Pausen und offensichtlich kriminelle Aktivitäten in Punkto Waffenbesitz waren dort ansässig. Für den einen oder anderen mag es vielleicht witzig klingen, jedoch sah ich mich gezwungen, in den ersten 3 Wochen mit einer Kugelfangweste zur Arbeit zu gehen.

Die Führungsriege der Firma hat dann kurzerhand diese Leute nach etlichen Gesprächen aus dem Unternehmen entfernt. Übrig blieben von dem Untermenschenvolk noch diejenigen die es für nötig und witzig erachteten in Pissoires zu “scheißen”, oder Mitarbeiterinnen zu belästigen. Mit Arbeit hatte das in den ersten drei Monaten recht wenig zutun. Eine Farce einen solchen Standort überhaupt eine Arbeitsstelle zu nennen. Ehr wirkte es, wie ein Auffanglanger für schwererziehbare, oder Kleinkriminelle.

Irgendwann hat sich auch das Relativiert und man konnte zumindest ein bisschen Arbeiten. Von Urlaubsgeld oder aber richtiger Berechnung keine Spur. Die Wechselschichteinteilung sah dann so aus, dass ich 16 Wochen am Stück die Spätschicht übernehmen durfte und der Punkt “kein Verkauf” artete in endloser Gier nach Umsatz aus. Den ehrlichen arbeitenden hat man also schlicht und ergreifend belogen. Wer nicht spurte, der flog raus und wer eigenständig dachte und Vorschläge brachte, die nicht der Firmenphilosophie auch nur in der Theorie entsprach, wurde auch entsorgt.

Man frug die Leute nach dem Einsatzort, die sie sich vorstellen könnten. Ich habe mich bei dieser Wahl fürs Backoffice gemeldet, damit ich wenigstens der Jobbeschreibung etwas näher komme und vor allem meinem erlernten Beruf. Anders als erwartet, stufte man mich als “verkaufsstark” ein und ich konnte meine erwünschte Position an den Nagel hängen. Zwar hat man mich recht häufig für meine Arbeit gelobt. Aber mir geht es wirklich nicht gut, den Leuten etwas zu verkaufen, was sie nicht brauchen. Daher tat ich dies nicht. Ich habe – durch ehrliche Beratung verkauft. Wollte ein Kunde dies nicht. Na dann eben nicht.

Ein Lob für einen solchen Job zu bekommen hat für mich die gleiche Wertung wie: “Mensch, in Vergewaltigung biste echt gut.” Ich werde bezahlt um zu arbeiten. Einen Job zu machen, den ich leider brauche und auf den ich angewiesen bin, aber dennoch unzufrieden ist kein leichtes Los für mich. Als kleines Update: Vor jetzt genau vier Tagen bekamen alle Mitarbeiter dieser Firma per Kurier auf einem Sonntag die Kündigung. Der Standort wird geschlossen. Freistellung für vier Wochen.

Ganze 11 Monate habe ichs ausgehalten und habe dann die Branche gewechselt. Eine Einstellung von einer Personalvermittlung für ein großes Systemhaus. Tätigkeitsgebiet: Weitläufige Disposition/Dispatching. Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld. Besser bezahlt und vor allem seriös. Bei dem Bewerbungsgespräch im Januar hieß es dann mit Übernahmechancen.

Die Firma, die ich vertrete ist jetzt wirklich sehr gut. Allerdings gibt es ein großes Manko. Die Firma, die mir so groß vorgeschwärmt hat, sie wolle auch übernehmen, durchläuft seit vier Wochen ‘nach’ meiner Anstellung eine Insolvenzphase… Also Pustekuchen mit der Stelle. Allerdings vertrete ich dort noch eine Personalvermittlung, die ich bis zum Letzten auch gerne vertrete. Wer gut zahlt, bekommt auch gute Arbeit.

Langsam aber sicher komme ich mir mächtig verarscht vor. Ich bin jetzt 31 Jahre alt und komme Jobtechnisch nur vom Regen in die Traufe. Niemandem wünsche so viel Pech!

Lang lang ist’s her, dass ich mal wieder hergefunden habe. Dafür gibt es wieder etwas zu berichten. Ich möchte nun einmal ein kleines Reply geben über das letzte Jahr, wenn man so will.

Nach dem letzten Eintrag war ich für ganze 19 Tage H-4-Empfänger, so dass ich mich einreihen durfte in die hinterletzte Ecke des Etablissements. Mein erster Besuch bei der Arge hatte in mir ein Gefühl der Hilflosigkeit ausgelöst. Jedes kleine Geheimnis muss aufgedeckt werden und die Rede ist die ganze Zeit von Geld, welches man nicht hat.

Ich betrat – in gewohnt legerem und kaufmännischen Outfit – das “Büro” des zuständigen Sachbearbeiters. Mein erster Gedanke bei dem Anblick war wortwörtlich: “Das muss ein Scherz sein.” Vor mir saß jemand in einem Jogginganzug mit geröteten Augen und scheinbar krankhafter Lustlosigkeit. Meine beklemmende Lage hat mich dazu veranlasst mehr als nur freundlich zu reagieren auf sämtliche Fragen. Als die Frage nach Eigentum aufkam und mir dieser Pseudohalbkiffer durch die Blume sagen wollte, dass ich dieses ggf. versetzen müsste, platzte aus mir die verbale Faust des kleinen Mannes.

Nachdem ich diese peinliche Nummer hinter mich gebracht habe, wurde ich zu einer Art Arbeitsvermittler “deportiert”, der mir immer wieder sagte, dass er nicht verstehen kann, warum ich denn da bin. Arbeitszeugnisse in Ordnung und viel Bla-Bla. Auch hier berichtete ich – bereits zum gefühlt 793sten Male – von meiner Misere. Chef abgehauen, kein Arbeitszeugnis. Nächste Firma wurde ohne Mitarbeiter verkauft, etc. Mit anderen Worten, er kennt jetzt die Geschichte der sprichwörtlichen “Arschkarte”.

Erneut fiel mir ein Gewicht auf die Schultern. Wie in einem Verhör kam ich mir vor. Die Sachbearbeiter machten auf mich den Eindruck, als wenn sie ein altes und kaputtes Auto inspizieren würden und gaben sich nicht die geringste Mühe dies zu verschleiern. Mit “Hilfe” hat das nichts zu tun gehabt. Um dem zu entfliehen, habe ich kurzerhand eine Stelle angenommen, die für mich in etwa so seriös ist wie ein Schlägerinkassounternehmen… Ich kam in ein Call-Center…

Dazu mehr in Teil 2.

Ich bin heute einfach mal gewillt die Kategorie “Aufreger” mit einer neuen Diskussion zu füllen. Es geht mir im Großen und Ganzen um die Stadt Duisburg als solche.

Wie schon in anderen Kategorien beschrieben, lebe ich mein ganzes Leben in dieser Stadt – und eines vorweg - ich lebe gerne hier. Es gibt nur eine Sache, die mich immens stört. Die Berichte über diese Stadt sind meiner Meinung nach größtenteils überzogen.

Angefangen mit den alten Schimanski-Tatorten. Schon damals regten sich viele Duisburger darüber auf, dass ihre Stadt in dieser Serie total dreckig, asozial und überaus kriminell dargestellt wurde. Es würden nur die schlimmsten Ecken gezeigt, etc.

2007 dann der sog. “Mafia-Vorfall” in Duisburg, bei dem sich angeblich doch ach so viele Duisburger in ihrer eigenen Stadt bedroht oder gar unsicher fühlten. Vor Ort sieht man zu dem Vorfall eigentlich nur ein gleichgültiges Achselzucken.

2009/2010 folgte dann die “Rockerbandenaffäre”. Detonierende Handgranaten in Kneipen und wieder mal unsichere Straßen wurden propagandiert.

Jetzt im Jahre 2010 ganz groß: “Die Tragödie von Duisburg – Loveparade 2010″. 20 Tote, über 500 Verletzte und die Loveparade wirds nicht mehr geben. Super gemacht Duisburg….. Und im nächsten Jahr wird in den Zeitungen wieder ein Bericht stehen über das “MASSAKER in Duisburg!”

Was das Thema Loveparade 2010 angeht, so will ich das gar nicht erst ausweiten, da das zur Zeit eh überall in den Nachrichten steht. Mir gehts persönlich nur um einen Faktor in all diesen Geschichten, nämlich der Nachhall in den vergangenen und zufkünftigen Gesprächen, in denen das Wort “Duisburg” fällt.

Duisburg ist eine alte, geschichtsträchtige und authentische Stadt, in der eine halbe Millionen Menschen wohnen und leben. Mit dem größten Binnenhafen der Welt und einer Menge namenhafter Großunternehmen, nimmt diese Stadt, allein wirtschaftlich gesehen, am Weltgeschehen teil. Dieses Bild war mir als Jugendlicher wirklich sehr vertraut und sehen konnte man es auch noch an jeder Ecke.

Gestern Abend noch lief mir mein Hausmeister über den Weg, der sich – in leicht angetrunkenem Zustand – über eine Art Heimatlosigkeit beklagt hat. Flagge auf Halbmast und die Erinnerungen der letzten Jahre noch einmal auf den Tisch gelegt, wird man doch recht traurig bei dem Gedanken an das Image, welches die Stadt Duisburg langsam erhält. Ein weiterer Beweis dafür, warum sich bei vielen der Eindruck verhärtet, es würde alles zu Grunde gehen.

Ich für meinen Teil finde alles ein bisschen traurig, denn bei so viel negativer Propaganda verliert man doch nach und nach die Identifikation mit seiner Stadt. Hartz IV und Perspektivenlosigkeit in Deutschland allein reicht wohl nicht aus. Es wird immer etwas geben, was die momentane Mutlosigkeit noch weiter toppen kann.

An Sicherheit mangelte es bislang jedenfalls nie hier und auch sonst ist Duisburg eine friedliche und ehrliche Stadt, in die derlei negative Schlagzeilen eigentlich nicht wirklich reinpassen.

Man liegt abends in seinem Bett und des Öfteren kommt es vor, dass gerade in dem Moment, in dem sich die Ruhe einstellt, der komplette Tag oder auch Ereignisse aus der nahen Vergangenheit wie ein Zucken durch die Augen läuft. Genau dieser Moment soll heute mal mein Thema sein.

Meißt sind es bei mir die Momente, mit denen ich selbst und mit mir selbst unzufrieden war. Momente in denen ich nicht so gehandelt habe, wie ich hätte handeln wollen. Man springt über seinen eigenen Schatten, weiß man hat – vielleicht – das Richtige getan, hätte aber gerne auf seine eigenen Vorsätze gepfiffen und dem inneren Tier den Auslauf gegeben, der schon lange fehlte.

Ein kleines Beispiel aus dem letzten Jahr:

3 Uhr morgens. Im Club ändert der DJ die Musik in krankhaften Krach. Zeit zu gehen. Nachdem man sich dann von allen möglichen Leuten verabschiedet hat, kommt vor der Tür, schon mit dem Autoschlüssel bewaffnet die Erkenntnis: “Hunger! Lass uns mal gucken, wo noch son Kaloriendealer auf hat.”

Den Kollegen also in den Beifahrersitz gerastet und ab die Post. Kann ja nich so schwer sein, im Ruhrpott noch irgendwo eine Cholesterienbombe aufzutun, um sich wenigstens selbst vorlügen zu können, man hätte was gegessen. Nachdem wir dann vor sämtlichen verschlossenen Türen standen, fiel mir da doch noch eine Stelle ein, an der ich früher immer meine unechte Nahrung erworben hatte.

30 Kilometer später endlich angekommen. “Sauber! 24 Stunden geöffnet.” Ich stieg also mit dem Kollegen aus dem Auto aus. Auf den Eingang zu bewegend, fiel uns auf, dass irgendwer was gerufen hatte. War egal, hat mich nicht interessiert. Überhaupt wollte ich jetzt nur etwas essen, meine Ruhe und die Stille der Nacht genießen.

An der Türe angekommen fiel mir direkt das Schild mit der Aufschrift ‘Bestellungen nur am Drive-In’ ins Blickfeld. Wir bewegten uns also von der Türe weg und kamen an den Schalter.

Nachdem wir dann von einem sehr unfreundlichem Mitarbeiter mit diesem sehr dezent wirkenden roten Shirt bedient wurden, fiel uns eine Kreatur auf, die vor unseren Füßen saß. Mitte 20, dreckiges H&M-Outfit, glasige Augen, Schürfwunden an den Armen und ein Geruch wie eine Destilliermaschine. War mir egal. Ich wollte mein Essen, meine Ruhe und immernoch die Stille der Nacht.

In einem Gespräch vertieft konnte ich nur aus dem Augenwinkel ausmachen, dass besagte Kreatur angefangen hat zu sprechen. Es schien, als wäre es sehr aufmerksamkeitsbedürftig, denn es wurde immer lauter. War mir egal. Essen, Ruhe, Nacht genießen.

Irgendwann stand das Teil auf, musterte uns mit seinen glasigen Augen und begann irgendwas zu faseln, was man als Beleidigung auffassen konnte. Neben diversen – mir noch aus grauer Schulvorzeit – bekannten Schimpfworten nicht deutscher Natur, fielen noch sämtliche andere Worte, die schon gesprochen so falsch geklungen haben, dass ich geneigt war der Kreatur einen Duden zu kaufen. War mir egal. Ich wollte jetzt endlich was Essen, vor allem meine Ruhe und die Nacht, aber STILL!

Das Ignorieren dieses Zombies schlug fehl in dem Moment, als er mich das erste Mal gefragt hat: “Alda, willzu mia in die Frässä tretn?” Meine Augen schlugen weit auf mit dem Blick zum Kollegen. Bevor ich den guten Mann zu meiner Linken dann mit einem schon angehauenen Puls von 140 bpm noch fragen konnte, was das Opfer vor meinen Füßen von mir wollte, fragte mich das Tier tatsächlich nochmal.

Ein Blick auf meine Füße erinnerte mich daran, dass ich ja tatsächlich meine Stahlkappenschuhe angelegt hatte und ich überlegte wirklich, ob ich dem so oft geäußerten Wunsch nicht doch nachkommen sollte, wenn man mich schon so nett darum gebeten hat und das auch mehrfach.

Ein Schulterblick verriet mir allerdings, dass hinter uns noch immer eine Taxe stand, die offensichtlich auf genau diesen “Fahrgast” warten musste. Mein Gefühl vermittelte mir den Eindruck, dass der Quälgeist wohl darauf beharren wollte, vor Zeugen eine rein zu kriegen, damit sich evtl. der Geldbeutel leicht füllen lässt. Ich sah also davon ab meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und hatte letztendlich mein Essen, meine Ruhe und konnte im Endeffekt die Stille der Nacht noch genießen.

Soviel dann zum Beispiel.

Zu Hause angekommen hatte ich dann den Effekt, die guten Seiten des Abends lediglich als Randprodukt zu sehen. Stattdessen hab ich mit mir kämpfen müssen, einschlafen zu können.

Das Problem war nicht das blöde Gelaber dieser personifizierten Idiotie. Ehr gings mir auf den Geist, dass sich manche Menschen einfach sämtlichen Frechheiten auf Kosten anderer hingeben. Ebenfalls mit dem Wissen, dass sie nichts zu befürchten haben.

Dass ich bis zu einem gewissen Punkt nicht darauf reagiert habe, ist zwar gesellschaftlich gesehen wohl richtig, jedoch gehe ich stark davon aus, dass sich eine solche Person, die höchstwahrscheinlich die Oberflächlichkeit pur verkörpert, nicht mal ansatzweise darüber bewusst ist, was heute ein “Miteinander” bedeutet.

Zu spät. Man kanns nicht mehr ändern. Der Moment ist vorüber und nur das Ärgernis nimmt man mit. Die eigenen Gedanken bekommen bestialische Ausmaße und man möchte am liebsten jetzt zurückfahren und diese Kreatur bis zur unkenntlichkeit zusammenschlagen. Das schlummernde Tier in einem selbst vermittelt den Gedanken, dass man eine nachträgliche Erziehung nur mit Schmerz und Angst wieder geradebiegen kann. Damit er sich aber auch noch genau an diesen Abend erinnern kann, möchte man diesem angehenden Opfer – ehemals Täter, am liebsten noch seinen Namen in voller Länge ins Gesicht schnitzen.

Zugegeben, es ist vielleicht ein bisschen “krass”. Da aber Gedanken bekanntlich frei sind, ist es wenigstens für alle gesünder, sich wenigstens im Kopf die Genugtuung zu geben. Dennoch kam es öfter vor, dass ich gerne anders gehandelt hätte, als es die “Gesellschaft” von mir fordert. Dabei geht es nicht darum anderen meine Meinung zu sagen. Ehr um die “hoffnungslosen” Fälle.

Wenn es einen Trick gäbe, sich selbst auf den Boden der Tatsachen zu halten, so wüsste ich den gerne mal. Wie siehts mit Euch aus in derlei Momenten?

Wenn einmal das Thermometer auf über 30°C geklettert ist, überkommt mich immer dieser Drang nach Wasser. Viel Wasser und vor allem kühles Wasser. Der erste Gedanke nach einer verschwitzten und schwülen Nacht gebührt dann einem kleinen und schattigen Platz am See. Natur, Ruhe und Wasser.

Nachdem man dann die schon lange nicht mehr genutzten Schwimmklamotten, einen Satz Handtücher und eine Outdoordecke zusammengesucht und zusammen mit Verpflegung und Sonnenmilch in den Rucksack verpackt hat, sprintet man erstmal raus aus dem Haus. 

Dann kommt die nächste Entscheidung. Auto oder Roller? Nun gut, die Entscheidung fällt in Anbetracht des Wetters nicht schwer. Also den Helm auf den Kopf und neben der stickigen Wärme unter der neumodischen Kopfhaube entschädigt der lauwarme Fahrtwind sogar noch den verbrannten Hintern auf der schwarzen Kunstledersitzbank. 

In der Nähe des Sees macht sich wieder Freude breit im Kopf. Glück im Unglück. Kein Parkplatz mehr frei, aber man braucht ja schließlich nur 1 1/2 Meter Abstellfläche. 

Den Roller dann endlich abgestellt und den Helm abgezogen, gehen die Augen hoch in Richtung des Sees. Der erste Blick erinnert an ein Auffanglager. Menschenmassen quetschen sich aneinander – wie eingepferchtes Vieh, alle zwei Meter glüht der ein oder andere Grill vor sich hin und mutet an wie Lagerfeuertonnen in einem aus Filmen bekannten Ghetto.

Die Suche nach einem zumutbaren Platz führt vorbei an Bächen von Sonnencreme, Eis und zu viel Haut in zu wenig Stoff. Die Luft enthält eine Melangé aus Würstchen, Schweiß, Canabis und Bier. Kleine Kinder sammeln aus Spaß Glasscherben aus dem Wasser, während behaarte Bauarbeiterdekoletés hektisch verdeckt werden beim Verlassen des Sees.

Nachdem dann endlich ein passendes Fleckchen aufgetan und in Beschlag genommen wurde ist Zeit für eine Ruhepause. Sitzen, den Wind genießen und sämtliche Klischees ignorieren. Nachdem sich der Körper dann der doch noch vorherrschenden Hitze aussetzen muss, entscheidet man sich schließlich dafür, sich der für am Badestrand unnötigen Kleidungsstücke zu entledigen, legt sich auf die Decke und streckt wie ein ausgedürstetes Kaninchen alle viere von sich.

Die Ruhe sollte man sehr konzentriert auf sich wirken lassen, da es mitunter vorkommen kann, dass unangeleinte Hunde diverser Besitzer nass und verdreckt über einen selbst oder zumindest über die eigene Decke laufen, sich trockenschütteln, oder aber am Essen vergreifen. Zudem tauchen dann auf einmal die Leute auf, die ständig mit lautem Getöse um einen rumrennen, tropfen und bei denen man das Gefühl hat, man würde durch das Stampfen den Jurassic-Park-Insassen einen Auslauf gönnen. Mit anderen Worten: Bahnhöfe oder Flughäfen sind deutlich ruhiger.

Fünf Minuten Ruhe verschafft einem der Eismann, der mit seinem Dreiradmofa den täglichen Umsatz einfährt. Kleine Kinder hören auf zu quängeln und die Pseudoprolls haben auch wieder eine Beschäftigung.

Fast gänzlich vorbei scheint auch die Saison für hübsche und / oder ansehnliche Körper, denn sämtliche Klischees finden bei genauerer Betrachtung ihre Zielgruppe. Nie hätte ich gedacht, dass es Menschen gibt, die selbst das Pizzataxi an den See bestellen -> es gibt sie tatsächlich und keineswegs nur in Einzelfällen. Einen Vorteil hat das Ganze jedoch schon. Man kann die Kinder den Eltern sofort zuordnen, wenn man bedenkt, dass ich an diesem Wochenende Zeuge sein konnte, von 5 jährigen Kindern, die es schaffen ein Eis mit 8 Ballen zu vernichten, ohne dass sie etwas davon wegwerfen.

Dennoch. Das Wasser hatte kuschelige 24°C und die Algen hielten sich in Grenzen. Ich kam zu meinem herbeigesehnten und kühlenden Nass, welches mich in vielerlei Hinsicht abgelenkt und entschädigt hat. Bei meinem nächsten Schwimmausflug an die Duisburger Sech-Seen-Platte, werde ich aber höchstwahrscheinlich einen anderen Standort wählen, um doch noch etwas mehr Ruhe zu bekommen, wenn auch bei den letzten Beiden Ausflügen meine Deckennachbarn sehr freundlich und ruhig waren.

SH

Guten Morgen liebe Sorgen….

“Das Wetter wird heute sonnig und klar bei 37°…” Das verriet mir heute morgen die freundliche Stimme aus dem Autoradio.

In diesem Moment stieg das vor meinem geistigen Auge vorhandene Thermometer auf  “unerträglich” und meine Hirnwindungen drehten durch bei der Frage, wie ich das heute wieder in diesem viel zu kleinen, aber dafür extrem überfüllten und mit dauerlaufenden PCs bestückten Raumes aushalten soll.

Schaltet man die Glotze an, so wird man auf verschiedenen Sendern nur Sommer, Sonne, Strände und gut gebaute Körper finden, die fröhlich das Wetter genießen und sich sorglos sämtlichen Späßen aussetzen.

Die Realität sieht – hier zumindest – anders aus. Man steigt morgens schon – gestresst und verschlafen von der schwülen Nacht – aus dem Auto aus und blickt in verschiedene Gruppen von Leuten, die höchstwahrscheinlich Stammgäste in diversen Restaurants mit gehobener Cholesterienklasse sind und sich noch immer versuchen in Kleidergröße 38 zu zwängen.

Neben der teuren und aus Eigenfett bestehenden und nicht ablegbaren Schwimmhilfe, ziehen die morgens schon schwitzenden Menschen dann hektisch an ihrer Zigarette, als gäbe es kein Morgen mehr während man sich lauthals über alles beschwert, was einem gerade so in den Sinn kommt.

In dieser Zeit versuche ich eigentlich alles zu ignorieren und unbeirrt den Weg zu meinem Kaffeedealer zu finden.

Während der Tag dann so voranschreitet und die Hitze unbemerkt den Höchststand erreicht, erreicht so mancher Charakter seinen arroganten und aggressiven Gedankenstoß. Dinge, die sonst nicht erwähnenswert wären sorgen auf einmal für Missverständnisse und ironisch gemeinte Sprüche für Streit.

Man bedenke hierbei, dass bei ansteigender Hitze auch die Trägheit zunimmt und somit eigentlich eine Art von “Bloß nicht bewegen” in die Tat umgesetzt werden sollte. Aber anstatt sich daran zu halten, macht man sich noch den Ärger und legt sich lieber mit Gott und der Welt an, um die scheinbar seit einem Jahr angestaute Aggression und den Stress mit seinem Umfeld zu teilen.

Genervtheit ist anscheinend übertragbar und ich hoffe, dass ich so bald wie möglich den Weg an den Strand und in den See finde.

Wo das eine Thema endet, fängt das nächste Thema direkt an. Wieder einmal geht es um den Freundeskreis und einen ganz bestimmten Fall, über den ich mir selber noch keine Meinung gebildet habe. Vielleicht gibt aber dieser Beitrag einen kleinen Anstoß zu einer Diskussion.

Ich möchte gerne ein bestimmtes Pärchen aus meinem Freundeskreis in den Fokus dieses Beitrags setzen. Jetzt aber erstmal ein paar für das Pärchen ausschlaggebende Fakten. Er ist 32 Jahre, deutsch, römisch-katholisch. Sie 31 Jahre, deutsch/türkisch, überzeugter Atheist.

Er ist – genau wie ich – in der christlich-katholischen Glaubensrichtung erzogen und auch unterrichtet worden. Kirchlich sehr engagiert, ebenfalls auf seine Art und Weise gläubig und der lebende Beweis dafür, dass auch Männer einer inneren Uhr folgen wollen. Also das Bilderbuchleben mit Hochzeit, Kinder, Eigenheim, Baum pflanzen, etc. Sie hingegen möchte ein “freies” Leben. Ohne Hochzeit und vor allem, ohne Kinder. Die Problematik liegt also auf der Hand.

Natürlich habe ich das Thema mal zur Sprache gebracht. Auf die Frage “Wie stellt ihr euch das dann vor, wenn er in jedem Fall eine Familie gründen will?” bekam ich die Antwort: “Dann trennen wir uns.”

Ok. Moment. Die Antwort hätte ich erwartet von einem Pärchen, dass des Öfteren vielleicht mal einen Partnertausch, oder Partnerschaften generell nicht so ernst nehmen. Aber von einem Pärchen, dass gerade erst zusammengezogen ist und jetzt schon seit 2 Jahren liiert ist? Na ja, ich nehms mal so hin. Verstehen werd ichs dann später mal…

Meine Frage danach bezog sich dann nur auf das “Wann”. Er wird ja nicht irgendeinen Morgen aufwachen und sich sagen “Ey, heute hab ich ma Lust auf ne Familie”, setzt ‘mal eben’ nen Schlussstrich, geht nach Aldi und nimmt sich ‘mal eben’ ne Neue mit, die den Kriterien entspricht.

Ist dann die ganze jetzige Beziehung in Hinblick auf ein gemeinsames Leben, welches von einer Seite nach einem unumgänglichen Muster mit einer unumstößlichen Meinung und Planung nicht gleich totaler Schwachsinn?

Keineswegs möchte ich den Punkt der Liebe jetzt in Frage stellen. Nur bin ich selbst mittlerweile der absolute Familienmensch geworden. Klar stell ich mir das auch nach der gängigen und gebräuchlichen Romantik mitsamt Hochzeit etc. vor, jedoch bin ich dahingehend vielleicht etwas umsichtiger bei der Suche nach einem ernstzunehmenden Partner.

An dieser Stelle möchte ich jetzt einfach mal die Meinung anderer einholen und freue mich über jede Beteiligung.

Heute meldet sich auch mal wieder der Quotengrufti zu Wort und ich möchte eine Sache ansprechen, die auffallend an Aktualität gewinnt und sich irgendwie für mich zu einem Störfaktor entwickelt. Der Freundes- und Bekanntenkreis.

Nicht die Kreise als solche stören mich. Lediglich die Art und Weise, wie viele damit umzugehen scheinen. Gestern hat man noch in großer Runde zusammengesessen und heute geht so jeder seiner Wege. Nun, ich denke das ist in vielerlei Hinsicht zwar normal und gehört zum Laufe der Zeit. Jedoch gibt es momentan massig Abende, an denen man gerne mal wieder – wie früher – etwas unternehmen will.

Fairerweise sollte ich noch solche Aspekte wie

- Arbeit
- Familienleben
- Kostengründe
- Mobilität
- Entfernung, etc.

berücksichtigen. Viele dieser Menschen sind aber einfach nur zu gemütlich geworden, oder haben sich für ein geschlossenes Lebensabschnittsgefährtenleben entschieden.

Kleiner Rückblick auf das längste Freundschaftsverhältnis, an dass ich mich erinnern kann. 1988 kennen gelernt, sind wir durch sämtliche Scheiße gegangen mit allen Eventualitäten und Desastern, die sich ein Mensch nur aussetzen kann. Große Feiern, ausgibige Clubabende, Spaß wohin das Auge und der Geldbeutel reicht. Im Nachhinein kann man sagen, dass alles in Verbindung steht mit Erinnerungen, mit denen man die eine oder andere Gute-Nacht-Geschichte füllen könnte.

2002 ereilte mich dann mein Unfall, bei dem ich praktisch wieder bei Null anfangen musste. Auch zu diesem Zeitpunkt waren einige Leute voll und ganz für mich da und ich bin bis heute überaus dankbar dafür.

Danach kam bei mir die große Arbeitsphase. Überstunden hier, für Kollegen einspringen da. Zu jenem Zeitpunkt habe ich 3 Jahre Spätschicht hinter mir, die mich von 11 Uhr morgens bis 3 Uhr morgens an die Arbeit gefesselt hatte. Dass in dieser Zeit keine Beziehung ihren Bestand hatte ist klar, jedoch empfand ich dies auch nicht als störend. Zeit für nächtliche Abstecher im Freundeskreis fanden sich dennoch irgendwie, denn es kann mehr als nur eine Abwechslung sein, in ruhiger Umgebung, in der Nacht und bei einer guten Zigarre spazieren zu gehen und einfach seinen Stress auf der Arbeit zu lassen.

Betrachten wir die Situation jetzt. Der eine Kamerad sitzt in England und baut sich dort seine Familie auf, zwei andere haben geheiratet und leben größtenteils in Zweisamkeit und im Eigenheimerrichtungschaos. Was ich jedoch bedauere ist der Fall mit einem bestimmten Freund an meiner Seite.

Er lebt nun schon einige Zeit mit seiner Freundin zusammen. Sie unternimmt – soweit ich das mitbekommen habe – recht häufig was mit ihren Freunden. Er jedoch bleibt lieber zu Hause und “bewacht” die Wohnung und mir scheint es, als sei er zu gemütlich geworden, etwas unternehmen zu wollen. Außerdem macht es den Eindruck, als fühle er sich verpflichtet immer für seine Partnerin bereit zu stehen.

Für mich sieht es also so aus, als mache er sich selbst Vorschriften, obgleich seine Partnerin oftmals dafür sorgen will, dass er sich beschäftigt. Stattdessen verfrachtet er sich damit selbst in eine Art Pflichtprogramm und meines Erachtens kann das echt zur Vereinsamung führen.

Ich finde es einfach nur schade, dass sich zu wenige Leute die vergangene Zeit zurückwünschen, als dass sie sich nur gerne daran erinnern.

Die Farben ändern sich, die Temperatur steigt und die Vögel beginnen den Tag freundlicher und auffälliger als sonst. Der Sommer ist angebrochen. Deutlich verändert wirkt der Menschenauflauf in den Wäldern, an den Stränden und die Geschäfte sind überfüllt. Eltern versammeln sich mit ihren Kindern massenweise auf den Spielplätzen und jeder Zweite scheint ein Motorrad zu besitzen. Die Zeit der Spiele hat begonnen und die Sorgen sind einfacher vergessen, als sonst.

Heute möchte ich einen der bekanntesten und an sich auch bestimmt einer der interessantesten Bereiche ansprechen, der die Charaktersäulen ins Wanken bringen kann. Ich denke, jeder war diesem “Phänomen” schon einmal ausgesetzt und hat auch für sich seine individuellen Erfahrungen gemacht. Mir geht es heute um das unerwartete und fast unkontrollierbare Hochkochen von Hormonen.

Jetzt wird sich so mancher denken, “Jo, dat kenn ich. Wat is daran getz so intressant?”. Nun das Interessante an der Sache ist die Verhaltensweise in die viele Menschen fallen, wenn sie auf einmal bemerken, dass die ätzende und nörgelnde Nachbarin auf einmal richtig gut aussieht, nur weil sie von viel zu wenig H&M-Stoff zusammengehalten wird. Erotik spielt auf einmal eine ganz große Rolle und oftmals scheint der Verstand einen halben Meter nach unten zu rutschen, während die Triebsteuerung die absolute Kontrolle über das Denken übernimmt.

Aber den leichten Sarkasmus jetzt mal zur Seite. Das ganze Jahr über lebt man glücklich und zufrieden mit seinem Partner oder seiner Partnerin zusammen, während man im Sommer zusätzlich anfällig wird für die Signale anderer Menschen. Ich halte es allerdings für einen Trugschluss an dieser Stelle anzumerken, dass dann irgendwas in der bestehenden Beziehung nicht ganz richtig zu laufen scheint, wie es gern prognostiziert wird. Ehr noch gehe ich davon aus, dass es sich dabei um einen Grundinstinkt handelt, der entgegen jeder Moral die sonst so vernünftige Denkweise ausschaltet.

Ich behaupte jetzt einfach mal aus dem Bauch heraus, dass viele Menschen in genau diesen Momenten vergessen welche Sicherheit und welche Träume zu Hause auf einen warten, während man oftmals alles auf eine Karte setzt, um seiner Abenteuerlust gerecht zu werden. Die einen suchen vielleicht nach der schon lange nicht mehr erhaltenen Bestätigung, die anderen aber einfach nur ihre Beute. Vereinfacht könnte man sagen, dass für den Moment einfach etwas “Neues” her muss, ganz gleich wie die Situation des “Bekannten” ist. Eine Veränderung, etwas Interessantes und das Außergewöhnliche. Das Leben startet den Kurzzeitgedächtnismodus.

Welche gedanklichen Konflikte und Konsequenzen das mit sich zieht und dass es immer mit einer generellen Änderung des Lebens einhergeht, kann sich Jeder zumindest in etwa denken. Wenn die Ungewissheit siegt und man sich lang genug gegen die Realität gewehrt hat um letztendlich doch aufzuwachen, wird man feststellen dass man zu lange geträumt hat und im schlimmsten Fall die brutale Realität an die Tür klopft. Es ist schwer daraus zu lernen und doch gibt es Fehler, bei denen man immer und immer wieder geneigt ist, sie zu machen.

Ich möchte hiermit jetzt nicht behaupten, dass viele Menschen geneigt sind in der hormondominierenden Jahreszeit ihre Partner zu betrügen, jedoch ist es dennoch denkbar, dass viele darüber grübeln, wenn sie die Chance dazu hätten. Zugegebenermaßen war ich selbst nie der Mensch, der sich seine Moralvorstellungen in einem erheblich großen Radius gesteckt hat und auch selbst oftmals sämtlichen Träumen nachgejagt ist.

Mich interessiert bei diesem Punkt, in wiefern man gewillt ist der Abenteuerdroge nachzugeben und unter Umständen, wie der Leser das sieht.

SH

Stadt DUDer Wecker schellt, die Augen werden wie durch eine Adrenalinspritze aufgerissen und der Tag beginnt im Halbschlaf mit einer Tasse Kaffee, die man im Vorbeigehen seiner Senseomaschine aus den Angeln reißt. Der Blick auf die Uhr lässt darauf schließen, dass man nicht einmal mehr genug Zeit hat, sich dem dritten Schluck aus der Kaffeetasse zu widmen. Der einstudierte Bewegungsablauf bedarf lediglich physischer Anwesenheit und die einzige Entscheidung, die man 10 Minuten später trifft ist die Wahl des Stoffes, der einen für diesen Tag bedecken soll.

Knapp eine halbe Stunde später ein erneuter Blick auf die Uhr. Fast 5:30Uhr. Die Augen werden langsam klar beim Blick auf den Eingang seiner täglichen Anlaufstelle. Die nächsten 10 Minuten entsprechen wieder nur einstudierten Bewegungsmustern und das Stottern der Kaffeemaschine klingt wie die Glocke zur Arbeit. Der Rechner fährt hoch. Gute ausgeschlafene Kollegen betreten den Raum und wünschen in verlogen-glücklichem Ton einen “wunderschönen und guten Morgen”. Der Tag beginnt spürbar. Neben dem in den Augen brennenden, blutroten Aufgang der Sonne und dem lauten Geschrei der Vögel betritt der Chef das Büro, um die Tagesaufgaben zu verteilen.

Schlechte Laune breitet sich aus, da im gestrigen Meeting mit der Generalität des Unternehmens extreme Rationalisierungen festgelegt wurden. Kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld. Urlaub wurde generell gestrichen für die nächsten 6 Monate. Entlastungen wird es nicht geben und mit Erwähnung der Überstundenklausel im Tarifvertrag wird jeder dazu “gebeten”, mit seiner Eigeninitiative die Firmenpolitik zu unterstreichen und selbstredend zu unterstützen.

Nachdem man sich dann damit abgefunden hat, statt um 21:00Uhr erst um 23:00 Uhr seine Schuhe ausziehen zu können und eben “erstmal” mit 1100,–€ Bruttoentgelt pro Monat auskommen soll, klingelt dann das Telefon. Dieser Anruf wird dem Entgegennehmenden dann verraten, dass er jetzt wieder Single ist, weil man sich ja aus den Augen verliert und die Arbeit daran Schuld sei. Da der neue Kunde, der zwar hohe Provisionen verspricht, aber wahrscheinlich in einem Jahr Insolvenz anmelden wird schon auf dem Stuhl gegenüber sitzt, versucht man ersteinmal seinen Stil zu wahren und lächelt eingeübt.

Der Tag verläuft geplant und am Burnout knapp vorbei. Gefeuert wurde heute ein Kollege aus dem Nebenhaus und nicht man selbst. Das reicht völlig für den Tag.

Zu Hause angekommen leert man seinen Briefkasten und neben den Rechnungen für Wohnungsunterhalt und Mobiltelefon, befindet sich noch der Kontoauszug, der einem – wie erwartet – verrät, dass diverse Zahlungen rückgebucht und wieder fällig sind. Zeit für ein Stoßgebet und einen Dank an Gott für Zahlungsfristen und für die Bürokratie.

Anbei liegt noch ein Brief des Vermieters, der in einem mehr oder minder barschen Ton verkündet, dass die Miete für das nächste Quartal um 8% erhöht wird - die Gründe überließt man. Lediglich bei einem ungewohnten Absatz bleiben die schon müden Augen hängen. Darin wird man davon in Kenntnis gesetzt, dass der Enkel des Vermieters jetzt geheiratet hat und jetzt ein Eigenheim benötigt. Da man selbst ja die größte Abstellkammer des Familienbesitzes bewohnt heißt das im Klartext: “In einem halben Jahr hast Du hier weg zu sein.”

Man schleppt sich die 113 Treppenstufen in den siebten Stock hoch und entdeckt an seiner Tür eine kleine Mitteilung, die einem dann noch verrät, dass man kurzerhand den Gerichtsvollzieher verpasst hat, bei dem man die in Verzug geratene Zahlung für den dreirädrigen Gebrauchten in eine eidesstattliche Erklärung bestätigen soll.

So oder ähnlich stelle ich mir mancherorts das Leben heute vor. Auf unseren Straßen in unseren Häusern und in unserem Land. Dass die Zeit der Nächstenliebe schon längst vorüber und der kapitalistische Alptraum nur noch für den oberen Mittelstand zu ertragen ist, braucht wohl kaum noch einen Nachweis.

Ich für meinen Teil, kann nur von Glück sprechen, dass es mir nicht so ergeht. Jedoch lebe ich in einer Zeit, die es so wohl noch nie gegeben hat. Nichts ist mehr transparent genug, um irgendwo noch klar durchsteigen zu können. Für alles braucht man theoretisch seine Berater und auch sonst gibt es dieses “WIR” nicht mehr. Eines jedoch hat sich in Jahrhunderten nie geändert. Die Bauern auf dem Schachbrett “Leben” sind die ersten die fallen.

SH

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.